My photo
Berlin, Frankfurt, Paris, Chapel Hill, Boston, Istanbul, Calgary, Washington DC, Austin, Tunis, Warszawa and counting
Showing posts with label Exil. Show all posts
Showing posts with label Exil. Show all posts

Sunday, May 22, 2011

Der Vulkan - Roman unter Emigranten

Der kollektive kulturelle Reichtum welcher in den 30ern Deutschland verließ erscheint mir nur um so gigantischer je mehr ich mit ihm vertraut werde. Joseph Roth, Sebastian Haffner, Georg Glaser, Bodo Uhse oder Hannah Arendt - um nur die zu erwähnen, welche ich hier bereits besprochen habe - nun also Klaus Mann mit seinem Vulkan - Roman unter Emigranten. Mann als solcher scheint deserving of an entry devoted exclusively to him. Der Sohn Thomas Manns, der Neffe Heinrich Manns und natürlich der Bruder Erika und Golo Manns - auch wenn ich mit seinen Geschwistern wenig vertraut bin. Verfasser eines der ersten offen homosexuellen Werken der deutschen Literaturgeschichte.

Der Vulkan ist ein facettenreiche Erzählung der Emigrantenszene auf vielen, wechselnden Figuren aufbauend, welche sich untereinander austauschen oder doch zumindest indirekt Kontakt besitzen. Mann betont klar die politische, selbstgewählte Emigration, welches sich unter anderem in seinem Antidot dem älteren Juden, welcher 'keinesfalls [...] zu denen gehören [möchte], die im Ausland sitzen und ihre Heimat beschimpfen', niederschlägt. Er redet nur selten von der Emigration der niederen sozialen Schichten und noch weniger von der angsterfüllten nicht politisch bewussten Emigration.

Sein Roman ist ein Zeitbild dieser gebildeten deutschen Emigranten, welche mich in ihrer Gruppenbildung an Franz Hessels Pariser Romanze erinnerten. 'Man blieb unter sich, sprach immer deutsch miteinander.' Manns Roman ist teilweise etwas langatmig in seinen religiös-philosophischen Diskussionen, welche nicht immer überzeugen und mir zeitweise als reine Abstraktion erschienen. Aber dann, ist 'das Einfache ist stets nur der Vereinfachte' und wie kann ich dem wiedersprechen?

Schließlich ein interessanter Einschub. Meine Wahrnehmung der Einwanderung in die USA, von Ellis Island, der Freiheitsstatue had very much been constructed on an US-centric glorified perception of its immigration past. Das folgende Zitat erschütterte diese Wahrnehmung in its foundation:
Auch auf dich haben wir nicht gewartet! spricht die Freiheits-Statue: irgendein Emigrant und armer Kerl hatte einmal behauptet, diese entmutigenden Worte können man der großen Dame, Lady Liberty, von der Stirne ablesen...vielleicht wurde er gleich zurückgeschickt, deportiert oder mußte mindestens für mehrere Tage auf jene gräßliche Insel, Ellis Island genannt, wo man verdächtige Fremde wie Zuchthäusler traktierte -: davon hatte Abel viel des Schlimmen gehört.

Some serious food for thought on how immigration into the US was perceived by its protagonists not the country which they constructed or their well-off great-grandchildren.

Der Vulkan mit all seinen Fehlern gibt ein aufschlußreiches Bild derjenigen wieder welche vorm Nationalsozialismus flohen, dieser 'miserable[n] Berliner Kopie einer schlechten Römischen Erfindung.'

Tuesday, February 08, 2011

Leutnant Bertram

Ab wann kann man sich eigentlich als Experte der Exilliteratur bezeichnen? Bin ich schon dort, komme ich erst noch hin? Jetzt Bodo Uhse und sein Leutnant Bertram. Ich will den Autor an dieser Stelle nicht ausführlich vorstellen, sein Leben war in vieler Hinsicht zu komplex, um es hier in wenigen Sätzen wiederzugeben (NSDAP-Mitglied des linken Flügels, dann Kommunist, Staatenloser in Paris, Politkommissar in der Thälmann-Brigade in Spanien, Exilant in Mexiko, kulturpolitischer Kader in der DDR und dann ein früher Tod), in der Jungle World findet sich eine aufschlussreiche Kurzbiografie.

Uhse schrieb diesen Roman in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg und reflektierte hiermit einerseits eigene Erfahrungen aber beugte sich andererseits wohl auch Anforderungen der KP in Bezug auf den "stetigen propagandistischen Bezug auf das angeblich existierende »bessere Deutschland«, von dem man im Exil behauptete, dass es stündlich gegen die Hitler-Schmach kämpfe" (siehe obigen Link). Es träten "ausschließlich gut gewachsene und tatkräftige kommunistische Helden auf, denen es gelingt, die wahrhaften deutschen Patrioten unter den Nationalsozialisten auf die richtige Seite herüberzuziehen" (Ibid). Diese Einschätzung ist zwar wohl nicht falsch - laut der Einleitung zum Roman überzeuge Uhse durch seine "strenge Parteinahme" - erscheint mir aber auch zu kurz gegriffen und verkürzend.

Doch zurück zum Anfang. Leutnant Bertram erzählt die Geschichte einer Gruppe von kommunistischen Widerständlern, welche erst in Deutschland zu agieren versuchen, dann nach Spanien flüchten und dort den Kampf gegen den Faschismus innerhalb der internationalen Brigaden weiterführen. Auf der anderen Seite befinden sich einige Luftwaffenoffiziere, mehr oder weniger überzeugte Nazis bzw Patrioten, welche erst in Deutschland trainieren, um dann als Legion Kondor in Spanien auf Francos Seite einzugreifen und unter anderem am Angriff auf Guernica maßgeblich beteiligt sind.

Die Lehre des Romans ist offensichtlich in gewisser Hinsicht, die Kommunisten und Widerständler sind die Guten, die Luftwaffenoffiziere die Schlechten. Dies läßt sich Uhse jedoch schwer vorwerfen, weil er zu diesem Zeitpunkt und in Bezug auf diese Kommunisten, welche weder von Stalin noch von der DDR bis zu diesem Zeitpunkt zu größerem Unheil angetrieben worden waren, ja einfach recht hat. Die Legion Kondor ist den Angriff auf Guernica geflogen, die spanischen Republikaner waren zwar chaotisch aber moralisch im Recht und auch die Verfolgten in Deutschland sind ja in dieser Hinsicht die Guten. Sie sind vielleicht - natürlich - nicht immer gute Menschen, aber sie stehen für das Gute. Auch wenn ein Satz zur strengen Parteinahme des Autors mich normalerweise unwiederbringlich gegen diesen aufbringt, sind selbst die - zeitweise und vor allem zu Beginn - hölzernen stock characters Uhses in diesem Sinne schwer zu kritisieren. Er schrieb dieses Buch ja nicht nach dem Krieg, sondern in gewisser Weise als Teil desselben.

Das Buch brilliert als vielleicht weniger durch seine intellektuelle Tiefe als durch einen Spannungsbogen, als durch das Gefühl des Lesers einen zeitgetreuen Einblick in das Leben der Widerständler aber auch der Nazis zu erhalten. Was enttäuscht bzw nicht überzeugt ist die Simplifizierung, daß kaum jemand wirklich nationalsozialistisch erscheint, warum der Erfolg dieser Bewegung, wenn fast alle ihre Mitglieder in Wirklichkeit eigentlich nur wahre Patrioten oder Karrieristen sind? Was mich verwirrte, war die Homosexualisierung des einzigen wirklich ideologisch überzeugten Nazis, ein kaum verständliches Wahrnehmungsbild der linken Exilgemeinde im Allgemeinen so scheint es (siehe hier). Ein lohnenswertes, ein schönes Buch bei aller Kritik.

Saturday, January 29, 2011

Begegung mit Ernst Weiss

Mona Wollheim in diesem kurzen Büchlein beschreibt ihre Begegnung mit Ernst Weiss in Paris 1936-1940. Ernst Weiss natürlich ist einer meiner innig geliebten deutschen Exilliteraten der 1930er und 1940er Jahre, welchen ich kürzlich per Zufall entdeckt hatte.

Wollheim war als junge Deutsche, frisch verheiratet nach Paris emigriert, warum wird nicht direkt klar. Waren sie und ihr Mann jüdisch oder politisch engagiert? Ersteres lässt ein Kommentar über Kafkas Interesse an jüdischen Themen unwahrscheinlich erscheinen, dennoch waren sie wohl staatenlos. In Paris treffen sie mit Weiss zusammen (ich habe mich schon desöfteren gefragt, wie groß diese Exilgemeinde eigentlich war und ob sich dort letzten Endes alle mehr oder weniger kannten), der sie als literarisch interessierte Kulturbürger faszinierte und um den sie sich mehr und mehr kümmerte, schließlich sogar seine Sekretärin, Vertraute und Geliebte wird.

Leider ist Wollheim keine besonders gute Schriftstellerin, ihre damals selbst verfassten und zitierten Gedichte sind schmalzig und sonst nicht weiter der Rede wert. Sie lässt vieles aus, was ihren Ruf oder Moralvorstellungen beeinträchtigen könnte, so daß sie seine Geliebte war und wie das gelebte Dreierverhältnis zwischen ihrem Mann, ihr und Weiss sich entwickelte, und opfert dadurch vieles, was für den Leser aufschlussreich hätte seien können.

Das einzige Interessante für mich an diesem Büchlein (knapp 90 Seiten), war der Einblick in das tägliche Leben der Exildeutschen im Paris der 30er Jahre, welcher es bot. Außerdem die Erinnerung an die oft vergessene Tatsache, daß der Hauptteil der Vertriebenen ja keine großen Schriftsteller, Maler oder Philosophen waren, sondern uns heute vollkommen unbekannte Normal-(wenn auch wohl Kultur-)bürger.

Kaum empfehlenswert also, wenngleich meine Faszination mit der Exilliteratur anhält und - sehr indirekt - hier weitere Nahrung erhielt.

Friday, January 07, 2011

Das Leben der Fußgänger

Das Leben der Fußgänger ist eine Sammlung von Feuilletons Sebastian Haffners aus den Jahren 1935 bis 1938 (also bis zu seiner Emigration). Diese Texte sind insofern schwer vergleichbar mit seinen politischen Beobachtungen aus England (wie Germany: Jekyll & Hyde) im Nachkriegsdeutschland bzw seinen noch späteren historischen Anmerkungen. Sie wurden vielmehr als Komplementierung seines Gesamtwerkes auf seinen Tod und den publizistischen Erfolg seiner Geschichte eines Deutschen veröffentlicht.

Haffner beschreibt in diesen Feuilleton alles und nichts: das Leben als solches, den Urlaub, das Reisen, Paris, die Postkarte und mannigfaltige weitere Themen. Er nimmt oft Extrempositionen ein und verteidigt diese gewandt und auf zugespitzte Pointen aufbauend. Hierbei beweist er sich als unterhaltsam und amüsant wenn auch nicht viel mehr als das. Am interessantesten sind wohl die historischen Aufschlüsse, welche der heutige Leser aus dem Buch ziehen kann. Diese und Haffners (versuchte, da wohl hauptsächlich von seinen Redakteuren selbst-zensiert) Sticheleien und Kritiken an den Nazis, so in einem der wohl schönsten Feuilletons, welcher sich mit einem Vergleich zwischen Menschen mit Geschmack und solchen mit einer Weltanschauung befasst.

Deswegen entsteht auch so oft das Gerücht, der Mann von Geschmack sei tot. Aber seit getrost, es gibt ihn noch.

Sunday, November 14, 2010

Der arme Verschwender

So langsam werde ich anscheinend zum Experten deutschsprachiger Exilliteratur, - Joseph Roth, Georg Glaser, Walter Mehring - jetzt also Ernst Weiss: Der arme Verschwender. Ähnlich wie bei Joseph Roth ist es fast unmöglich zu etablieren, welches nationale Prädikat man ihm eigentlich anhängen soll. Deutscher Muttersprache, im österreichisch-ungarischen Prag geboren, in den Zwischenkriegsjahren in Berlin lebend, als Jude flüchtete er 1933 über seine Heimatstadt nach Paris. Ein deutschsprachiger Autor also und ein schönes Beispiel der Unmöglichkeit simplifizierender nationaler Definitionen. Weiss beging tragischerweise am 14. Juni 1940, dem Tag des Einmarsches der deutschen Truppen in Paris, Selbstmord und verstarb einen Tag später.

Sein Roman aus den dreißiger Jahren befasst sich kaum mit den politischen Themen seiner Zeit, sondern eher mit dem Schwierigkeiten der vorhergehenden Jahre. Sein Protagonist, der arme Verschwender, ist ein junger Mann als Sohn eines erfolgreichen Arztes aufwachsend, welcher trotz aller Bemühungen es nicht schafft seine Familie zu stabilisieren und zum Erfolg zu kommen. Er leidet unter den Widrigkeiten seiner Zeit, dem Ersten Weltkrieg, den sozialen Normen, dem Egoismus seiner Zeitgenossen und dann der wirtschaftlichen Umstände der Nachkriegsjahre. Er ist in dieser Hinsicht Symbol einer Generation, welche es nicht schafft den wirtschaftlichen und sozialen Rang ihrer Vorfahren zu bewahren und kann herin mit dem Protagonisten von Roths Radetzkymarsch verglichen werden. Auch wenn Weiss also die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Umstände seines Helden kaum detailliert schildert, zeigt er ihre harsche Natur alleine durch die Schilderungen seiner (Miß)erfolge auf.

Ein fesselnder Roman, den ich innerhalb zweier Tage verschlang und der mir ein weiteres Mal einerseits die Verkrustung des Habsburger Reiches vor dem 1. Weltkrieg aber andererseits die hohe Qualität seiner Schriftsteller bewies.

Friday, July 16, 2010

Radetzkymarsch

Joseph Roths Hiob war einer der wenigen Romane, welchen ich in der Schule las und der nichtsdestotrotz einen bleibenden Eindruck bei mir hinterließ - die anderen? Faust, Kabale und Liebe, vielleicht Thomas Bernhards Alte Meister - insofern war es wohl nur eine Frage der Zeit bis ich wieder etwas von ihm zur Hand nehmen würde. Gerade, da ich dieser Tage deutschsprachiger Exilliteratur verfallen zu sein, war der Radetzkymarsch wohl unabkömmlich. Ich betone deutschsprachig, denn Joseph Roth - auch wenn ich ihn damals im Deutschleistungskurs las - war natürlich Österreicher bzw vielleicht nicht mal mehr das, sondern Bürger und Bewohner des Habsburger Reiches, in Lemberg und Wien studierend, in Brody geboren.

Der Radetzkymarsch also. Der Aufstieg eines jungen Soldaten aus ärmlichen slowenischen Verhältnissen bedingt durch einen reinen Glücksfall, verkrustet bereits mit seinem Sohn, welcher als Baron den Erfolg, aber auch die Starrheit, ja den mangelnden Wandel des Österreichts-Ungarns darstellt - vielleicht durchaus mehr in meinen Augen als in Roths. Sein Enkel letztendlich stirbt im Ersten Weltkrieg sinnlos ohne ein Held zu sein, wenn auch ohne Feigheit und die Barone von Trotta sowie die königliche und kaiserliche Ansammlung von Ländern gehen zu Ende.

Ein nostalgisches, wenn auch kritisches Buch. Roth schafft es nicht, bzw will es wohl auch nicht, sich von seinem Ursprüngen loszulösen, auch wenn er natürlich um das unausweichliche Scheitern seiner Heimat weiß. In einer gewissen - wenn auch sehr entfernten - Weise erinnerte mich das Thema des Romans an Southern gothic literature, ein vollkommen anderer Stil natürlich aber mit ähnlichen inhaltlichen Zügen, sich der Nostalgie einer Vergangenheit gegenüber hingebend, die vielleicht nicht besser war als das, was folgte, und auch nicht grundlos scheiterte, ja versagte, aber deren Dahinscheiden trotzdem bedauert wird. Der Unterschied läge, wie gesagt, in der positiveren Distanz Roths.

"Ein grausamer Wille der Geschichte hat mein altes Vaterland, die österreichisch-ungarische Monarchie, zertrümmert. Ich habe es geliebt, dieses Vaterland, das mir erlaubte, ein Patriot und ein Weltbürger zugleich zu sein, ein Österreicher und ein Deutscher unter allen österreichischen Völkern. Ich habe die Tugenden und die Vorzüge dieses Vaterlands geliebt, und ich liebe heute, da es verstorben und verloren ist, auch noch seine Fehler und Schwächen. Deren hatte es viele. Es hat sie durch seinen Tod gebüßt."


Faszinierend war ich in der nachbereitenden (bzw diesen Blogeintrag vorbereitenden) Lektüre Roths Biographie die abstrakten Parallelen zwischen dem (wohl nicht sehr) 'roten Joseph' und seiner Hauptfamilie (nicht -gestalt). Ein Mann, eine Person (ich will ja hier nicht sexistisch auffallen), seine Möglichkeiten zum Aufstieg in einem Vielvölkerstaat nutzend, als Jude (bzw Slowene), seine Vergangenheit vergessen zu machen und hierdurch in diesem Reich aufzusteigen.

Reich-Ranicki nahm diesen Roman in seinen Kanon der zwanzig besten deutschsprachigen Bücher auf. Dies kann mangels ausreichender Leseerfahrung nicht beurteilen, aber ich kann ihn weiterempfehlen den Radetzkymarsch, keine Frage.

Wednesday, April 21, 2010

Geschichten aus Sieben Ghettos

Ein weiterer Exilautor, der rasende Reporter Egon Erwin Kisch war mir das erste Mal als linientreuer Parteigenosse gegen den sich emanzipierenden Glaser agitierend bewußt unter die Augen gekommen. Zufälligerweise hatte ich mir kurz vorher eines seiner Bücher gekauft, sonst hätte ich seine Geschichten aus Sieben Ghettos aus reiner Abneigung wohl gar nicht gelesen.

Warum gab es eigentlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert so viele faszinierende intellektuelle Weltreisende? Kisch gehört auch in diese illustre (Neruda, Hemingway, Malraux, Céline...) Gruppe, auch wenn seine Prinzipientreue (oder blinde Kommunismusgläubigkeit) ihn wohl in seinen Reportagen über die Sowjetunion beeinflußten, sowie zersetzende Autoren wie Glaser kritisieren und als deutschsprachiger (und -schreibender) Tscheche die Beneš-Dekrete befürworten ließ. Wer will es ihm verdenken. Unzählig sind diejenigen, welche in dieser Zeit dem Charme der Sowjetunion erlagen und ohne die Umstände dieser Jahre wirklich zu kennen kann ich dieses tragische Fehlurteil nicht bewerten.

Kischs Biographie im Schnelldurchgang also. Aufgewachsen im k.u.k. Prag, Journalist, gilt angeblich als einer Erfinder der literarischen Reportage, Reisender (Australien, China, USA, Europa...), jüdischer Herkunft, spielte eine aktive Rolle im österreichischen Gegenstück zur deutschen Novemberrevolution, in Berlin arbeitend bis von den Nazis 1934 ausgewiesen, amerikanisches und mexikanisches Exil, schließlich sein Tod 1947 in Prag. Dies nur als Hintergrund.

Geschichten aus Sieben Ghettos ist eine Sammlung spannender, faszinierender Kurzgeschichten und Reportagen über jüdisches Leben in Europa im Laufe der Jahrhunderten. Akkurat erscheinede historische Extrakte etwa über die Brüder Fey, welche versuchten während der französischen Revolution Geschäfte zu machen und mit Danton und Chabot unter der Guillotine endeten kontrastieren mit zeitgemäßen Beobachten über (seinerzeit) modernes jüdisches Leben in Paris und Amsterdam. Hinzu kommen Wiedererzählungen jüdischer Moralgeschichten, welche auf diesen sehr typischen osteuropäisch-jüdischen Humor (frei nach Shlomo Sand würde ich behaupten, daß dieser nicht allgemein jüdisch sei) aufbauen, welchen ich einfach toll finde. Schlichtweg ein wirklich empfehlenswertes Büchlein.

Monday, February 22, 2010

Paris in Brand

Zufällig in einem kleinen Buchladen bei mir um die Ecke gefunden passte Walter Mehrings Paris in Brand perfekt in meine kürzlich angeeignete Faszination mit deutscher Exilliteratur. Ich vergleiche Mehring dadurch natürlich mit Georg Glaser, was oberflächlich zwar haltbar ist aber letzten Endes dann doch wenig Sinn macht. Beide wohnten zwar in Paris, flohen vor den Nazis dorthin, waren politisch und schriftstellerisch in den 20er und 30er Jahren aktiv, aber der eine war Anarchist und jedweder politischen Utopie gegenüber skeptisch, der andere Kommunist. Der eine schrieb Chansons und politisches Kabarett, lebte bereits in den 20er Jahren hauptsächlich in Paris, personifizierte eine Art aufgeklärtes Weltbürgertum, der andere betätigte sich politisch (im wahrsten Sinne des Wortes) kämpfend und als parteinaher Barde. Glaser schreibt wuchtig, ursprünglich, Mehring ist ein auch in seiner Wortwahl intellektualisierender Schriftsteller. Kurz: Die Bezeichnung Exilliteratur beschreibt und ist doch wenig aussagekräftig.

Paris in Brand ist ein abstruses Werk, welches sich dem Leser nur schwierig erschließt. Der Autor gibt zwei parallele Geschichten wieder, da sind einmal der deutsche Journalist sowie ein junger russischer Emigrant im zeitgenösssischen Paris und dann wird das Leben de Antoinette Bourignon beschrieben, der Heiligen der Armen. Mehring mokiert sich in diesem Textkonglomerat aller, die häßliche Heilige, welche in Amsterdam einen Börsenkrach verursacht und auf ihren Reisen abwechselnd vergöttert und vertrieben wird, die große Hure Presse, welche im modernen Paris ihr Umwesen treibt. Nebenbei setzt er noch Spitzen gegen die amerikanischen Invasoren der Île St. Louis, um schließlich auch noch die utopistischen Träume der Kommunisten als unmöglich darzustellen.

Ich würde gerne mehr von Mehring lesen, vor allem ein Theaterstück, welches 1929 Goebbels mit einer ganzseitigen Replik bedachte und alleine schon deswegen meine Sympathie besitzt, aber auch seine Chansons und Aufnahmen des politischen Kabaretts, welche auf seinen Texten beruht. Ich nehme aber leider an, daß es schwierig wird an diese Aufnahmen und Texte ranzukommen. Paris in Brand war auf jeden Fall ein guter, wenn auch nicht ganz einfacher, Einstieg in Mehrings Werk.

Als Nachtrag bleibt zu vermerken, daß Paris in Brand zwar in Frankreich geschrieben wurde, dies aber in den 20er Jahren geschah und ich deswegen mir gar nicht sicher bin, ob das Werk überhaupt schon zur Exilliteratur dazu gezählt werden darf.

Thursday, February 18, 2010

Schluckebier und andere Erzählungen

Georg K Glaser zum Zweiten, diesmal seine gesammelten Vorkriegswerke. Nach Geheimnis und Gewalt war es ja fast unvermeidbar, daß die Lektüre weiterer seiner Werke zu einem gewissen Maße enttäuschend sein würden und dies bewahrheitete sich auch aus unterschiedlichen Gründen.

Erstens bietet sich eine chronologische Ansammlung kürzerer Text, welche sich ausschnittsweise wiederholen und ja nie zusammen veröffentlicht werden sollten, nur bedingt zum Durchlesen von Anfang bis Ende an. Zweitens sind die frühen Glaserischen literarischen Ergüsse auch einfach qualitativ schwächer als seine Schreibweise mehr als 10 Jahre später, was ja auch nicht überraschend ist.

Drittens (und dies ist wohl mein wichtigster Punkt) hatte sich Glaser zur Zeit als er diese Text schrieb noch nicht von der KP-Linie losgesagt und dementsprechend revolutionär (im kommunistisch-theoretischen Sinne) sind seine Texte aufgebaut. Die Erzählerrolle nimmt oft die Stimme der Masse ein, alle Jungen im Erziehungsheim oder alle Arbeiter in der Rotfabrik nehmen die Ereignisse zusammen wahr. Das Volk erscheint in diesem Sinne als ein Wesen, welches zusammen opponiert. Individualismus, Abschweifung von den Anderen spielt nur begrenzt eine Rolle. Die Rollenverteilung in die Unterdrücker und die Unterdrückten ist starr und ohne Grauzone. Das Volk (repräsentiert durch seine oben erwähnten kleinen Untergruppen) feiert am Ende natürlich einen (wenn auch wohl kurzfristigen) Triumph, während es gegen seine Tyrannen aufbegehrt. Beide Aspekte sind mir zu stereotyp und erlauben dem Autor nicht genug Freiheit und Reflexion für bzw in seinen Charakteren.

Am Besten gefiel mir die eine Geschichte, welche von diesem Schema abschweift und die sinnlose, tragisch endende Auflehnung einer kleinen kommunistischen Gruppe ohne Anbindung an ihre zerschlagene Führung gegen die Nazipropaganda in ihrer Fabrik darzeigt.

Es muß betont werden, daß - bei aller Kritik - auch der titelgebende Roman (Schluckebier) die Qualität Glasers späterer Arbeit mehr als nur erahnen läßt und den Leser mitreisst in der Wucht seiner Erzählsgewalt.

Friday, December 25, 2009

Geheimnis und Gewalt - Nachwort

Das Geheimnis und Gewalt läßt mich noch nicht los. In meiner Kritik leider außer acht gelassen ist die Positionierung Glasers nicht nur gegen den Faschismus, sondern auch gegen den Kommunismus. Dieses Wort ruft ja heutzutage bei vielen Menschen meiner Generation (zumindest in Deutschland oder den USA, weniger in zB Frankreich) eine sofortige Vorverurteilung und Abwehr hervor. Dies ignoriert aber die Vereinnahmung des Kommunismus durch die jeweilige nationale KP (irgendwann geführt und dominiert durch die Sowjetunion), es ignoriert die anarchistischen und kommunistischen Ideale, welche von vielen Mitgliedern vertreten wurden. Glaser ist nie ein linientreuer Parteisoldat geworden, er distanziert sich schon während der späten 20er Jahre von der Linie exemplarhaft gezeigt durch seine Berichterstattung über einen Prozess dreier SA-Mörder, welche er sich weigert als reine Bestien darzustellen, sondern sie als (vielleicht all zu) menschliche Opfer ihrer selbst und ihrer Situation beschreibt, welcher sie durch ihren (im übrigen nicht politischen) Mord zu entkommen versuchen. Glaser ist ein deutscher, kommunistischer Sympathisant der 20er und 30er Jahre, kein blinder Stalinhöriger oder treuer Parteigänger, welcher den Hunger und das Elend der Sowjetunion ignorierend der Führung folgt.

Geheimnis und Gewalt

Wie beschreibt man einen Georg K. Glaser am besten? Vielleicht könnte man ihn als eine Art deutschen, proletarischen Malraux oder Neruda nur ohne den ganzen großen beruflichen und literarischen Erfolg bezeichnen. Geboren im rheinhessischen Gunterblum als Teil einer Großfamilie dominiert vom grausamen Vater, flüchtete sich der heranwachsende Glaser vor dem schlagenden pater familias auf die Straße und verbrachte wohl den Hauptteil der 20er Jahre als Herumtreiber, als Stromer, als Ur-Bohèmien sozusagen nicht durch freie Wahl, sondern seine Lebensumstände, bzw in Erziehungsanstalten eingewiesen. Er begann mit kommunistischen Jugendgruppen zu sympathisieren und nahm Teil am unseligen Straßendreikampf zwischen Polizei, SA und Kommunisten. Im Gefängnis wegen Gewalt gegenüber eines Polizisten schrieb er seine ersten Texte um zu einem von der kommunistischen Bewegung tolerierten, wohl nicht akzeptierten, Literaten zu werden ("On me laissait la liberté du fou - mon livre n’était pas conforme à la ligne. Néanmoins, ils l’ont publié.") als welcher sich einer Mischung aus Journalismus und Literatur bediente, welche ich eher mit späteren Autoren wie Norman Mailer verbunden hätte - Stichwort: the novel as history, history as a novel. Nach der Machtergreifung (-ernennung?) Hitlers und einigen erfolglosen Versuchen den Widerstand zu organisieren floh er in das Saarland, welches kurz vor der Abstimmung über seine Eingliederung ins Reich stand. Das Resultat der Abstimmung im Gefängnis erfahrend flüchtete er sich mit viel Glück nach Paris. Anders als viele seiner Zeitgenossen integrierte er sich in seinem Exil, wurde Franzose und heiratete eine Französin. Mit dem Kriegsbeginn 1939 in die französische Armee eingezogen war er in Dunkerque, nur um später in deutsche Gefangenschaft zu geraten und die Zeit bis 1945 in Kriegsgefangenschaft in Deutschland arbeitend zu verbringen. Landesverrat bzw Spionageverdacht zwangen ihn sowohl vor den Gefangen wie den Bewachenden seine wahre Identität zu verheimlichen. Glaser ließ sich nach Kriegsende in Paris nieder und arbeitete die Jahre vor seinem Tod 1994 im Marais als Kunsthandwerker.

Geheimnis und Gewalt ist die literarische Aufarbeitung seines Lebens bis 45. Er schrieb später noch ein zweites Werk über die darauf folgende Zeit in Frankreich. Ich las sein (anscheinend) Hauptwerk in den letzten Tagen mehr oder weniger schnell und bin beeindruckt. Nicht nur ist sein Leben als solches und dargestellt in den nackten Fakten faszinierend, seine literarische Bearbeitung ist desgleichen von einer schwer beschreibbaren Wucht. Glaser ist kein hochgebildeter Mann, er ist autodidaktisch gebildet und schreibt mit der Offenheit einer (wenn auch wohl künstlichen) mündlichen Sprache. Er hat nicht das Sprachtalent eines Camus, Sartre oder Faulkner, aber dies will er wohl auch gar nicht haben. Neruda meinte der Dichter dürfe keine Angst vor dem Volke haben, Glaser ist Teil eben dieses Volkes, er braucht sich nie dieser Maxime zu erinnern, da sie ihm inhärent ist. Sein Werk ist autobiographisch, aber keine Autobiographie. Anders als Malraux oder Hemingway sind seine Erfahrungen aber nicht nur Basis eines Romans, sondern stecken vielmehr den engen Rahmen seiner Erzählung ab. Manche der Kurzgeschichten Hemingways (die Nick Adams Stories oder Snows of Kilimanjaro) erscheinen mir vergleichbar, aber letztlich bleibt Glasers Roman etwas eigenes.

Dieser Roman ist fraglos das (bisher) beste (deutsche) Buch, was ich bisher über die Zeit des dritten Reiches gelesen habe. Es ist ihm wohl leider nie die Aufmerksamkeit gewidmet worden, welche er verdient hätte. Im Internet sind wenig und nur rudimentäre Texte über ihn vorhanden. Im französischen Wikipedia gibt es nicht mal mehr einen Eintrag über ihn, im deutschen nur einen kurzen. Vielleicht ändere ich dies noch.

Noch ein wenig Primär- und Sekundärliteratur:
- ein Nachruf aus der Zeit
- un entretien dans le taz malheureusement traduit vers le français
- Glaser par Glaser, Koestler par Glaser
- Rebell unter Renegaten - ein Saarbrücker Gespräch
- Une jeunesse allemande

Saturday, January 05, 2008

Germany: Jekyll & Hyde

Wieder einmal Sebastian Haffner, ich weiß. Was soll ich machen? Hatte das Buch auf meiner Leselisten und dann mitgebracht bekommen. Germany: Jekyll & Hyde. 1939 - Deutschland von innen betrachtet. Auf Deutsch geschrieben, ins Englische übersetzt, in Großbritannien veröffentlicht, jetzt wieder ins Deutsche zurückübersetzt, weil das Original verloren ging.

Leider hat mir dieses Buch nicht so gut gefallen wie viele der Bücher von Haffner die ich vorher gelesen hatte (1, 2). Warum? Ich weiß es nicht so genau. Sein Schreibstil schien weniger flüssig und fesselnd, was aber wohl entweder an der doppelten Übersetzung oder den besonderen Umständen (als Emigrant in England, mit schwangerer Freundin, keinem Job und von der Schutzhaft bedroht) liegen könnte. Gerade diese Umstände, immerhin erdreistet sich ein Deutscher hier den Briten zu erklären wie sie den Krieg gegen Deutschland zu führen zu haben, sollten nicht unterschätzt werden.

Haffner beschreibt verschiedene Gruppen, welche zum Verständnis Nazideutschlands bekannt sein sollten: Hitler, die Nazis (von Göring bis zu den Blockwarten), die loyalen Deutschen (die stille, willig gehorchende Mehrheit), die illoyalen Deutschen (die stille, unwillig gehorchende Minderheit, welche das Ziel der englischen Propaganda sein sollte), die Opposition (KPD, SPD...er beschreibt sie als desaströs und hat damit wohl recht) und letzten Endes die Emigranten (welche er wohl als zu relevant bewertet auch weil er natürlich Teil derselben ist und deswegen nicht gerade objektiv in Bezug auf dieselben).

Das Problem des Buches ist zweigeteilt. Erstens, sind einige der Dikussionen einfach nicht mehr zeitgemäß. So braucht heute keinem mehr erklärt zu werden wie verbrecherisch die Nazis wirklich waren. Zweitens, versucht Haffner der englischen Politik Vorschläge zu machen, wie der Krieg zu führen sei. Diese sind aus der heutigen Perspektive gelesen einfach nicht mehr so relevant. Ein Kompromissfrieden mit Göring als Reichskanzler mag damals eine Möglichkeit gewesen sein, heutzutage ist die Diskussion darüber eher müßig.

Interessant ist sein Konzept einer Kontinuität von Friedrich dem Großen und seinem expansiven Preußen über das Deutsche Reich zum Dritten Reich ("es sind nur Nuancen, die das Dritte Reich und das Deutsche Reich voneinander unterscheiden"). Auch wenn gerade durch den Holocaust stark relativiert (der Vergleich) eine faszinierende Idee. Sein Lösungsvorschlag für nach dem krieg ist außerdem eine Art Europa der Regionen, mit Deutschland zurückfallend in seine Kleinstaaterei, aber wirtschaftlich und politisch eingebunden in ein größeres Europa.

Fast schon prophetisch ist seine Prognose über Hitler: "Er besitzt genau den Mut und die Feigheit für einen Selbstmord."

Abschließend läßt sich im Allgemeinen sagen, daß ich seiner Konzentration auf Personnen zum Nachteil von Strukturen und wirtschaftlichen und politischen Umständen nicht immer zustimme. "Wer vermag, ohne die Augen vor der Hauptursache zu verschließen, auch um eine der großen welterschütternden Krisen unseres Jahrhunderts zu erklären?" Auf den ersten Weltkrieg mag dies zustimmen, auf den zweiten? Wäre Hitler ohne die Weltwirtschaftskrise überhaupt je an die Macht gekommen? In der gleichen Stoßrichtung versucht Haffner Hitlers Politik nur als Resultat seiner eigenen Lebenserfahrungen zu verkaufen. Wie gesagt, ich finde diese Erklärungsansätze zu persönlich.

Was ich sehr begrüße ist seine kritische Begutachtung des Patriotismus, welchen ich ja eigentlich nur belustigend oder sogar abstoßend finde (jeweils auf meine Stimmung und die andere Person darauf ankommend): "Es ist normal ... die eigene Heimat und die eigenen Landsleute zu lieben [wo ich nur begrenzt zustimme, aber das ist ein ganz anderes Thema, was ich heute eher nicht anschneide]...aber je mehr im sillen, um so besser." Schreibts Euch hinter die Ohren, Ihr Flaggenschwenker der Welt.

Also, lesen oder nicht lesen? Ich würde sagen ja, aber nur für Haffnerfans und -kenner und garantiert nicht als erstes Buch.

Thursday, December 13, 2007

Churchill

Ich habe als Jugendlicher sehr viele Biographien gelesen, vor allem historische über Tecumseh, Hannibal und ähnliche Helden. Churchill war nicht unbedingt Teil meines heroischen Kanons, der Grund, weswegen ich das Buch las, lag allein beim Autor, Sebastian Haffner. Ich habe nämlich, wenn ich mich recht entsinne, noch kein schlechtes Buch von ihm gelesen, seine historischen Betrachtungen sind zwar zum Teil stark simplifiziert und vor allem wohl zu sehr auf historische Persönlichkeiten als institutionelle, wirtschaftliche oder politische Umstände bezogen. Aber trotzdem, oder gerade deswegen, macht es immer wieder Spaß etwas von ihm zu lesen. Nicht nur, weil seine Argumentation letzten Endes meistens überzeugt.

Winston Churchill also, ich wußte nicht viel über ihn, außer die Schlagwörter Premier Englands im 2. Weltkrieg und abgewählt vor Ende des Krieges, Haffner hat ihn mir näher gebracht. Ich war zum Beispiel geschockt von seinem Alter, mir war nicht klar gewesen, daß er in England im Prinzip seit der Jahrhundertwende einen gewissen Bekanntheitsgrad inne hatte, im 1. Weltkrieg schon Kriegs- und Rüstungsminister gewesen war. Außerdem war mir seine Bedeutung als Journalist und Historiker nicht klar – interessanterweise in diesen Betätigungen dem Porträtierenden ähnelnd. Das Buch war also perfekt geeignet als Kurzbiographie (nicht mal mehr 200 Seiten) und ist unbedingt empfehlenswert.

Schade fand ich nur, daß Haffner viele Dinge anspricht und nur wenige weiterspinnt, wohl hauptsächlich aus Platzgründen. So betont er, daß der Churchill 'der zwanziger Jahre ein Faschist [war], nur seine Nationalität verhinderte, daß er es auch dem Namen nach wurde.' Ich kann mir hierüber natürlich kaum ein Urteil erlauben, hätte es aber für nötig befunden, solche Aussagen ein wenig stärker zu belegen und erklären.
Abschließend läßt sich sagen, daß Churchill wohl der Typ rechter harter Hund war, welchen ich in der heutigen Politik verachten würde (Franz Josef Strauß vielleicht, oder Joe Lieberman). Nun kann man darüber diskutieren, ob Notzeiten wie die Englands 1940 einen solchen Typ geradezu verlangen – die Römer hatten nicht grundlos eine Diktatur auf Zeit in Kriegszeiten – und deswegen ist es eigentlich unmöglich für mich von meiner ursprünglichen Sympathie von Churchill wegzukommen. Auch gerade weil dieser in seiner Jugend einen sehr bravourösen Eindruck macht. Aber dies ist ja auch nicht unbedingt nötig, angesichts der Tatsache, daß Haffners Argument ohne Churchill wäre es möglicherweise zu einem traurigen und desaströsen Frieden Englands und Deutschlands gekommen durchaus Sinn ergibt.

Monday, October 02, 2006

Überlegungen eines Wechselwählers

Habe in meinem Leben bisher sechs mal gewählt (2x Bundestag, 2x in Berlin, 2x in Europa) und muß ganz ehrlich eingestehen, daß ich mich der Sebastian Haffners Maxime nicht im entferntesten angenähert habe, Überlegungen eines Wechselwählers wäre für den Blog dieses Wählers auf jeden Fall der falsche Titel. Aber, den es gibt immer ein 'aber', das ist das schöne am Leben, nichtsdestrotz hat Haffner - und dies auch obwohl sein Büchlein (gerade mal 140 Seiten mit einem ellenlangen Vorwort, welches ich übersprang) zu einem sehr konkreten Anlass (der Bundestagswahl 1980) geschrieben wurde - wieder einmal ein politisches Denkmeisterwerk geschaffen. Er gehörte ohne Frage zu den in meinen Augen besten politischen deutschen Schreiberlingen. Dies gilt auch wenn ich in dem konkreten Fall dieses Buches fast kontinuerlich nicht seiner Meinung war, er reizt zum Denken, ja zum Philosophieren über die Demokratie an und ich bezweifle, daß es bessere Komplimente für einen Autor gibt, als daß er einen zum Reflektieren über sein Werk - oder besser dessen Thema - bringt.

Haffner gibt einen historischen Aufriß der Demokratie in Deutschland, geht kurz auf ihr Scheitern vor 1933 ein, um dann die bisherige Geschichte der BRD zusammenzufassen. All dies stark verkürzt auf Parteien bezogen. So spannend er dieses Thema auch darstellt, viele seiner Schlußfolgerungen kann ich nicht mittragen, bzw wirken heute aus der verklärenden Perspektive der Zukunft naiv.

So erklärt er den Zweiparteienstaat für das Nonplusultra der Demokratie. Ich würde wagen dies zu bezweifeln. Haffner offensichtlicherweise kommt aus einer Denkschule, die durch die Zersplitterung des Parteiensystems zwischen den beiden Weltkriegen geprägt war. Aus diesem Grund tendiert diese Generation dazu zwei stabile Monolithen, welche jeweils die alleinige Regierung stellen, gegenüber sich ständig verändernden Mehrheiten mehrerer Koalitonäre vorzuziehen. Persönlich kann ich dem nur aus zwei Gründen widersprechen.

Erstens, die Angst, daß instabile politische Mehrheiten die Demokratie in Deutschland zerstören würden, erscheint aus heutiger Sicht unverhältnismäßig. Ich würde behaupten, daß die Demokratie in der BRD - wenn man von einigen sehr suspekten Gebieten der ehemaligen DDR absieht - gefestigt genug ist, als daß sie einige Turbulenzen aushalten würde. Dem wichtigsten Grund für ein Zweiparteiensystem zu plädieren wird hiermit also die Grundlage entzogen.

Zweitens sehe ich die Gefahr einer Nivellierung der Parteien in einem Zweiparteiensystem. Ein Blick in die USA zeigt wie gering die Unterschiede zwischen den beiden dortigen konkurrierenden Parteien wirklich sind. Parteien sind dort nicht viel mehr als Vehikel um Kandidaten Ämter zu verschaffen und diese - Individuen - prägen das Bild ihrer Partei und die Partei derselben mehr als alles andere. Die Gefahr hierbei erscheint offensichtlich, es gibt keine wirklichen konkurrierenden Modelle mehr, sondern nur eine Annäherung an den Mittelwähler. Da alle rechts (oder links) der eigenen Position sowieso für die - relativ - näher positionierte Partei stimmen, findet der eigentlich Wettkampf in der Mitte statt, alle Programme, alle Ideen werden auf diesen Wähler zugeschnitten und die Unterschiede zwischen den Parteien verschwinden. Was aber steht dem Wähler dann letztendlich noch zur Wahl? Frau oder Mann? Arizona oder New York? Und, um bei diesem Modell zu bleiben, zwei der potentiellen Kandidaten für das Amt des Präsidenten der USA, Senator McCain and Senator Clinton, nähern sich von entgegengesetzten Seiten dem selben Punkt an, um eben dort die Wahl zu gewinnen. McCain befindet sich in Daueropposition zu seinem Präsidenten und Parteifreund Bush, während Clinton vor einiger Zeit in Kooperation mit Newt Gingrich agierte (das ist in etwa so, als ob Joschka Fischer mit Franz Josef Strauß eine Initiative gestartet hätte um seine Chancen auf das Kanzleramt zu erhöhen).

Was mich an Haffners Buch zusätzlich stört ist die absolute Verdammung der Grünen, welche dieser vornimmt. Sicherlich war die Entwicklung dieser - damals - neuen Partei so nicht vorherzusehen, aber Haffner prinzipiell verdammt die Etablierung neuer Parteien im allgemeinen, bevor er im besonderen die Grünen auseinander nimmt - vor allem aufgrund ihrer Fixierung auf nur einen Programmpunkt und ihrem nur auf die Oppositionsarbeit ausgerichteten Streben - seine Kritikpunkt besitzen nicht nur aus heutiger Sicht keine Validität mehr, ich würde auch seinem Widerstand gegen die Schaffung neuer Parteien im allgemeinen widersprechen.

Einmal davon ausgehend, daß ein Zweiparteiensystem nicht das optimale ist, denke ich, daß neue Partikularinteressen (Umwelt (80er), erhöhte soziale Schieflage und Arbeitslosigkeit (heute)), welche in den großen Volksparteien ungenügend vertreten sind, nicht nur das Recht sondern sogar die Pflicht besitzen sich in Parteien zu organisieren und im Akkord mit den anderen Interessenvertretungen (also der FDP zB) bzw den beiden Volksparteien zu regieren.