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Friday, March 30, 2012

Spazieren in Berlin

Nach Pariser Romanze war Spazieren in Berlin das zweite Buch von Franz Hessel welches ich las. Fuer sowohl meinen als auch seinen Lebenslauf passend also ein Buch über Paris, eins über Berlin. Aber Spazieren in Berlin unterscheidet sich stark von seiner Pariser Romanze. In letzterem erzählte Hessel die Gundzüge seiner beginnenden Affäre mit Helen Grund, welche nicht nur im bekannten Film (und Buch) Jules et Jim endete, sondern auch in der Geburt von Stéphane Hessel mündete. Paris bildet hier den ausführlich geschilderten Hintergrund nicht mehr aber auch nicht weniger. 

Sein Berliner Buch hingegen fokussiert kaum auf seine wenigen Protagonisten, sondern konzentriert sich vielmehr auf das Leben der Stadt. Hessel, der Flaneur, verliert sich bzw erläuft sich eigentlich sehr gezielt verloren in Markthallen, Fabriken und Stadtvierteln lässt sich von lokalen Führern herumführen und beobachtet. Und das ist wirklich was dieses Buch ausmacht, die Beobachtung, Hessel hat die Ruhe sich auf die anderen zu konzentrieren, ihnen zu folgen, ihnen zu zusehen und sie dann zu beschreiben. Er erscheint - ähnlich wie in der Pariser Romanze übrigens -  nur begrenzt in der Lage an diesen Leben teilzunehmen, aber er besitzt eine Offenheit und ein Einfühlungsvermoegen, welche eindrucksvoll sind und ihm detailgenaue Beschreibungen ermöglichen, welche für viel andere Autoren (ja gar einige Leser) womöglich zu exakt und detailliert sind.

Das Ganze ergibt eine Art Collage von Berlin Anfang der 30er. Hessel scheint das entschwundene Berlin der späten 19. Jahrhunderts zu bedauern und referenziert es desöfteren via literarischer Einschübe anderer Autoren. Dies wiederum macht die Perzeption auf Seiten des Leser, vertraut mit dem Berlin des frühen 21. Jahrhunderts zeitweise schwierig, aber dafür auch um so aufschlussreicher. Genauso wie ich das Verschwinden des Berlins in dem ich aufwuchs zur Kenntnis nehme (und bedauere), genauso beschreibt Hessel ein Berlin, welches spätestens mit den Zerstörungen des 2. Weltkrieges fast vollständig verschwand.

Wednesday, April 27, 2011

Pariser Romanze

Zweifelslos einer der schönste Romane, welchen ich in letzter Zeit las aber auch einer der traurigsten, der melancholischsten? Franz Hessels Pariser Romanze erzählt die (semi-)fiktive Liebesgeschichte eines jungen Soldaten im Vorkriegsparis, der vom Feldlager aus postalisch seinen schweizerischen Freund von eben dieser berichtet. Franz Hessel ist einerseits der deutsche Protagonist von Truffauts Jules et Jim, aber auch der Vater von Stéphane Hessel und natürlich einer der frühsten Franko-Deutscher, welchen ich kenne.

Er war aber auch einfach ein unglaublich einnehmender Schriftsteller in his own right. In der Pariser Romanze gibt er - frei literarisch - den Anfang seiner Beziehung mit seiner späteren Frau und Mutter von Stéphane Hessel, Helen Grund (die Frau im Beziehungsdreieck Jules et Jims. Viel wichtiger - und ansprechender - ist aber seine Liebeserklärung an das Paris der Vorkriegszeit, welches er - von nationalem, patriotischen Aufruhr umgeben - für das ungewisse Schicksal des Soldaten verlassen mußte. Dieses Paris vermißt er und beschreibt es in einer Schönheit und mit einer melancholischen Offenheit, welche seines gleichen sucht.

Hessels (Anti-?)held ist der belesene Außenseiter, welcher weder besonders schön, noch besonders schlagfertig, noch sonst irgendwie besonders ist, der sich in sein Schicksal ergibt und das Leben und die Lebendigkeit bewundert sowie beschreibt, gar an ihr teil hat aber ohne je selber - lange - im Mittelpunkt zu stehen. Ein wirklich schönes Buch auch wenn Hessel gegen Ende vom angenehm zuckrigen Melancholischem ein wenig in den Kitsch hinüberfällt. Oder bzw vielleicht teile ich auch einfach seine Liebe zu Paris mehr als seine Variante zwischenmenschlicher Liebe.

Und einfach weil er ihn so schön beschreibt auch wenn sein abschließendes Urteil viel zu hart ist, Kurt Tucholsky:
Es ist eine Art Mannesschwäche in diesem Mann, etwas fast Weibliches (nicht: Weibisches) [...] es ist etwas Lebensuntüchtiges, oh, wie soll ich dies Wort hinmalen, damit es nicht nach Bart und Hornbrille schmeckt? Und das weiß Hessel. Und weil er klug ist, macht er aus der Not eine Tugend und spielt, ein wenig kokett, den Lebensuntüchtigen: Ich bin nämlich ein stiller, bescheidener Dichter ... Das ist nicht unangenehm, nur ein wenig monoton.