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Thursday, January 02, 2014

Der Golem

Ein tschechischer Bekannter hatte mir Gustav Meyrinks Roman Der Golem empfohlen und da ich zwar mit der Sage vertraut war, aber nie von diesem deutschsprachigen Prager Autor (wie Kafka, wie Egon Erwin Kisch) gehört hatte, kaufte ich mir das Buch vor meiner Stippvisite in Prag. Ein toller Fund! Der Golem ist ein fantastisches Werk, wie ich es eigentlich seit meiner Jugend kaum noch lese, aber es ist vor allem ein fast Furcht einflößendes Beispiel von gothic literature wie ich es sonst vielleicht von Edgar Allan Poe kenne (oder dem Phantom der Oper). 

Meyrink erzählt nicht die Legende des Golems neu, wie ich es ursprünglich gedacht hatte, sondern gibt die niederdrückende Stimmung im jüdischen Ghetto Prags anbei seiner grausamen, naiven, verliebten und hassenden Protagonisten wieder. Der Golem taucht natürlich auf, wie er dies jede Generation ein mal tut, aber vor allem sind es die Bewohner (und Besucher) des Ghettos, die eine Rolle spielen. Ein fesselnder Roman, der trotz (oder wegen?) seiner phantastischen Elemente die Lektüre lohnt für seine Einblicke in das (jüdische) Prag aber auch einfach wegen seiner literarischen Qualität.

Friday, November 01, 2013

Lascharela

Vor meiner - beruflich bedingten - Abreise nach Georgien, war ich in der Amerika-Gedenkbibliothek und suchte nach georgischer Literatur. Diese Suche war von relativ wenig Erfolg gekrönt, aber ich fand einen historischen Roman, Lascharela, von Grigol Abaschidse aus dem Jahr von 1957. Der Autor erzählt hier die Geschichte des Königes George Lascha, dem Sohn der legendären Tamara, der als vielleicht allzu menschlicher König in die georgische Geschichte einging.

Der Roman ist sicherlich kein literarisches Meisterwerk aber eine nichtsdestotrotz packende Erzählung einer historischen Periode und Region, mit welcher ich in keinster Weise vertraut war. Georg Lascha also, der trinkende, das Leben genießende König, angeblich von Sufismus bzw. Mystizismus angezogen. Abaschidse stellt ihn auch in Opposition gegen die Kirche und in Unterstützung des Heidentums dar. In einer Parallele zu König David von Jerusalem nimmt er sich die Frau eines Untergebenen und versucht diesen umkommen zu lassen. Er scheitert daran diese nicht Adelige zu seiner Königin zu machen und muß sich schließlich sogar von ihr trennen.

Geopolitisch kämpft Lascha gegen die von seiner Mutter Tamara eingeführten Aufweichungen der zentralistischen auf den König bezogenen Regierungsfrorm Georgien und scheitert auch hier dran. Er versteht es eine umgebenden kleineren Vasallenstaaten in ihren Rebellionen zu besiegen und will schließlich sogar an den Kreuzzügen teilnehmen und Jerusalem erobern helfen. Der Einfall der Mongolen, welche die politischen Strukturen der gesamten Region verwirft, beendet nicht nur sein Leben, sondern auch diese Pläne.

Ein wirklich interessanter Einblick in die mittelalterliche Geschichte der Region, der Wichtigkeit Georgiens im Kampf gegen die Mongolen aber auch seine Verbindungen in die muslimische Gewalt. So fand ich es faszinierend, daß der Autor Omar Kayyam zitierte, ein Dichter der in Europa den wenigstens ein Begriff sein dürfte. Schließlich stellte ich mir die Frage, wie die Tatsache zu bewerten ist, daß Abaschidse Nationalgeschichte schreibt in einer Zeit in der die georgische Zugehörigkeit zur Sowjetunion in keinster Weise in Frage gestellt wurde, ohne hierauf eine zufriedenstellende Antwort zu finden.

Tuesday, October 22, 2013

Mein '68

Peter Schneider ist ein Autor, den ich bisher nur vom Namen her kannte und der in den 60/70er Jahren als einer der Studentenführer einen gewissen Bekanntheitsgrad gewinnen konnte. Er stieg aus bevor die Studentenbewegung (oder ein Teil davon) sich in Richtung Terrorismus entwickelte und versagte sich vor allem auch den maoistischen Bestrebungen in der streng disziplinierten KPD/AO, denen andere seiner ehemaligen Mitstreiter sich hingaben.

Mein '68 - Rebellion und Wahn ist seine persönliche Aufarbeitung dieser Zeit. Schneider hatte damals Tagebuch geführt und in seinem literarischen Aufarbeitung zitiert er sich selber, konfrontiert sich aber auch und versteht sich vor allem zum Teil nicht mehr selber. Bzw. erinnert sich als heutiger Peter Schneider anders als er es damals festhielt.

Der wahrscheinlich wichtigste Kritikpunkt am Buch wäre die zu starke Fokussierung auf seine Liebesgeschichte mit einer in den Terrorismus (Bewegung 2. Juni) abdriftende "L.", die für ihn zwar aus verständlicher Sicht wichtig war und ist, die aber scheinbar wenig mit 68 als solchem zu tun hatte. Trotzdem fand ich das Buch faszinierend in seiner persönlichen Aufarbeitung und Reflektierung der Ereignisse die West-Berlin (und Deutschland) in ihren Bann schlugen (und dann in die RAF und andere überschlugen). Gerade in Bezug auf einige Details und Anekdoten aus der linken Studentenbewegung der Zeit war mir vieles in diesem Buch auch neu und in den eher historisierenden Werken, die ich sonst gelesen hatte nicht in diesem Maße präsent.

Tuesday, October 15, 2013

Berlin, Alexanderplatz

Nach langen Jahren wieder ein mal in Berlin wohnend hatte ich mir Alfred Döblins Berlin, Alexanderplatz bei meinem Vater aus dem Regal geholt, weil es als DER Klassiker der Berlinliteratur passend schien. Und was für eine Entdeckung! Döblins erratische Schreibweise, sein scheinbar planloses Irren zwischen faktischen Beschreibungen, Gefühlen und Dialogen erinnerte mich an Joyce, Faulkner, Sartre und Kateb Yacine. Schriftsteller also die ich vor (fast) allen anderen schätze.

Berlin, Alexanderplatz erzählt von einem der aus dem Gefängnis entlassen wird und nun versuchen will sein Leben auf der gerade Bahn im proletarischen Berliner Osten fortzusetzen. Döblin betreibt im Prinzip einerseits eine Art Milieustudie sicherlich auf seinen Erfahrungen als Kassenarzt in Lichtenberg aufbauend, er beschreibt aber natürlich andererseits ein Individuum, einen Anti-Helden namens Franz Biberkopf.

Das Buch ist aber nicht nur als Roman als solcher faszinierend, sondern auch als historisches Porträt einer Zeit (1928), die heutzutage fast nur noch vom Ende her (das kommende Dritte Reich) gedacht und deswegen als solche selten dargestellt wird. Oder wenn dann nur als Mythos. Hier sind die Nazis eben keine massenmörderischen Schwerverbrecher, sondern eine politische Gruppierung unter anderen, welche auch ein (1941 zum Katholizismus konvertierter) jüdischer Romanautor als ideologischen Zufluchtsort seines durch die Revolution 1918/19 von der Linken enttäuschten Helden zeichnen kann. Desselben Helden der ein - oberflächliches - freundschaftliches Verhältnis zu zwei - nun wirklich nicht assimilierten - Ostjuden unterhält und zeitweise auch eine Schwulenzeitung verkauft. Grenzen, welche aus heutiger Sich scharf gezogen werden, existierten damals nicht unbedingt in gleichem Maße. 

Aber Biberkopf ist natürlich vor allem unpolitisch - ja passiv und naiv - und diese Zeitepoche mit vor allem ihrer wirtschaftlichen Problematik spiegelt sich zwar in seinem Leben wieder, ist aber nur der Anstoß bzw. der Hintergrund für sein persönliches Schicksal. Wirklich ein Muss für jeden Leser an moderner Literatur und Berlin interessiert.

Sunday, September 15, 2013

Memed mein Falke

Abgesehen von Orhan Pamuk bin ich mit türkischer Literatur eigentlich gar nicht vertraut, das letzte Mal, daß ich in Istanbul war, kaufe ich mir also auf Empfehlung eines Buchhändlers Memed mein Falke von Yaşar Kemal, welches eines der Klassiker der türkischen Literatur sei. Ich muß leider sage, daß ich ein wenig enttäuscht war. Memed ist kein schlechtes Buch, weit davon, aber es ist auch kein besonderes Buch. Es ist stattdessen im Prinzip ein - relativ- modernes Märchen über einen jugendhaften Helden, der sich gegen die Grausamkeit seines lokalen Feudalherrschers auflehnt und dafür mit dem Verlust seiner Familie und dem ewigen Banditensein zahlen muß. Ein Märchen also, was mich enttäuschte war vor allem die naiv-folkloristische Erzählweise, welche in einem Autor des 20. Jahrhunderts überrascht. Wahrscheinlich hätte ich das Buch vor einigen Jahren (und vor allem als Jugendlicher) um einiges besser gefunden, heutzutage ist mein Geschmack vielleicht einfach schon so korrumpiert in Richtung kompliziertere Erzählstrukturen, daß mir deren Abwesenheit in diesem Maße fehlen. Als großer Fan Istanbuls, wo ich gerne noch ein mal wohnen wollen würde, werde ich hoffentlich noch mehr - und andere - türkische Literatur lesen.

Tuesday, September 10, 2013

Ein ganz gewöhnlicher Jude

Das wahrscheinlich erste Buch eines Schweizers, das ich je gelesen habe, behandelt ein urdeutsches Thema auf originelle Weise. Charles Lewinsky schreibt aus dem Blickwinkel eines deutschen Juden, der von einem gutmenschelnden Lehrer in seine Schule eingeladen wird, um dort im Sozialkundeunterricht als Repräsentant des Judentums aufzutreten. Was folgt ist ein ausführlicher Monolog eines Juden, der nicht anders als ein anderer Deutscher sein will oder zumindest nicht anders wahrgenommen werden will, es aber in seinem eigenen Leben nicht schafft dies selbst auszuleben.

Eine leicht lesbarer und kurzer Text über "einen ganz gewöhnlichen Juden, der mit seinem Projekt, ein ganz gewöhnlicher Deutscher zu werden, kläglich gescheitert ist." Oder ein Einzelschicksal zwischen der Shoah, Nationalidentität, Religion, kulturellen Vorurteilen und Präferenzen und den Scherben seines Privatlebens.

Friday, August 30, 2013

Königliche Hoheit

Ich habe von Thomas Mann immer noch nicht seine großen Klassiker Der Zauberberg und Doktor Faustus gelesen, eine Bildungslücke, die ich irgendwann bald angehen muß, aber durch Zufall stieß ich letztens auf ein kleines Büchleins Manns Königliche Hoheit, was jemand - ich weiß leider nicht mehr wer - auf Twitter empfohlen hatte. Da ich gebrauchte Bücher bekanntlich en masse kaufe, griff ich auch hier in einem meiner Lieblingsgebrauchtebücherläden Berlins (in der Bergmannstraße und mit einem unglaublich unhöflichen Verkäufer versehen, vive die Servicewüste Berlin!).

Königliche Hoheit ist ein wirklich merkwürdiges Buch, ich kann nicht behaupten, daß es mir sehr gut gefallen hätte, auch wenn es wirklich nicht schlecht war und sich gut und schnell lesen ließ. Wikipedia redet viel von den autobiographischen Zügen des Romans, die mir aus Unkenntnis nicht aufgefallen waren. Ich nahm viel mehr eine bizarre Liebesgeschichte - ein Märchen wirklich - zwischen dem Repräsentanzprinzen eines verarmten deutschen Kleinstaates und Tochter eines amerikanischen Multimillionärs, welche gemeinsam - und mit dem Geld des Vaters - die hohe Staatsverschuldung angehen. 

Abgesehen von gerade heute immer passenden (Eurokrise!) Witzen über die anscheinend kulturelle deutsche Obsession mit Schulden, läßt der Roman den Leser - mich - mit vielen Fragen zurück. Will Mann das verkrustete wilheminische Deutschland mit einer Kreuzung mit dem amerikanischen Kapitalismus - deutscher Abstammung - sanieren? Wahrscheinlich doch oder? Was soll uns die Verkrüppelung des prinzlichen Haupcharakters sagen? Was die Schwächlichkeit seines älteren Bruders, die Verrücktheit der Mutter? Ist das alles ein Ausdruck der inzestösen kaputten Gesellschaft am Anfang des 20. Jahrhundert, die genau zehn Jahre später spektakulär in der Novemberrevolution untergeht. In dem Fall wäre Mann ja visionärer als ich es ihm zugetraut hätte.

Saturday, August 10, 2013

Auferstanden Über Alles

Ich war beim Zeitungslesen zufällig auf Hans Magnus weniger bekannten Bruder Ulrich Enzensberger gestoßen. Dieser war in terroristische linke Gruppen in den 60er-70er Jahren verwickelt und lebt und arbeitet seit Jahren als Autor und Journalist in (West-)Berlin. Sein Buch Auferstanden Über Alles, welches ich mir daraufhin kaufte, sammelt einige seiner Reportagen aus den 80er Jahren. Diese sind unterschiedlich interessant und vor allem (aus heutiger Perspektive) unterschiedlich interessant. Am Besten war wohl seine Aufarbeitung des Deutschlandliedes und warum Theodor Heuß, dieses von den Nazis viel gesungene Lied wieder als Nationalhymne. Direkt danach sein (für mich) interessanter Artikel über die allierten Sonderrechte im besetzten West-Berlin. Eine schnelle, kurze Lektüre, als Zeitportrait interessant ohne unbedingt (und für alle) empfehlenswert zu sein.

Monday, July 22, 2013

Böse Schafe

Eine schweizer Freundin hatte mir Böse Schafe empfohlen, ich lese ja kaum neuere Literatur sonst. Gerade jetzt, nach einem Jahr dominiert von viel Lektüre im wissenschaftlichen und vor allem wirtschaftlichen Bereich, wo ich kaum in den Genuss reiner - was auch immer das genau heißen soll - Fiktion kam, gefiel mir Katja Lange-Müllers Buch ungemein. Die (Ost-)Berlinerin erzählt hier die Geschichte einer aus dem Osten gekommenden West-Berlinerin, die sich in einen, sagen wir charakterlich schwierigen, Mann verliebt. Eine schöne Geschichte über die rauen Unschönheiten des Lebens, welche sich leicht am Stück liest.

Wednesday, June 26, 2013

Dead Souls

One more novel from my trip to Ukraine, this was one from the Ukraine-born Russian writer Nikolai Gogol, Dead Souls - similarly to the The Daughter of the Commandant but much more so - pokes holes into the Russian self-satisfied noble middle class who - to varying degrees - rely on their serfs and petty business deals (and corruption) for their well-being. 

I have to admit that I found this novel difficult to read though. It seemed too drawn out in its story-telling, too repetitive in a way. Still interesting during my quest to find out more about the Slavic world I was traveling in recently.

Monday, April 01, 2013

Solaris

Ich lese zugegebenermaßen - leider? - kaum noch fantastische Romane. Solaris von Stanisław Lem war in der Hinsicht eine absolute Ausnahme. Das kleine Büchlein, welches ich fast in einem durch las, war aber nicht richtig packend, sondern sogar angst einflößend! Lem beschreibt den - gegenseitigen? - Versuch der Kontaktaufnahme einer zukünftigen Menschheit und einem intelligenten außerirdischen Wesen. Er greift hierbei nicht nur direkt die simplistischen sonstigen außerirdischen Fantasiegestalten, welche in dem meisten Fällen zwar vielleicht grün sind, sonst aber Menschen ähneln. Obendrein gelingt es ihm seine Charaktere mit ihrer tiefsten Furcht zu konfrontieren und hierdurch selbst dem abgehärteten Leser Angst einzujagen. Eindrucksvoll.

Sunday, March 31, 2013

Bei uns in Auschwitz

Bei uns in Auschwitz von Tadeusz Borowski ist vielleicht das eindrucksvollste Beispiel von Lagerliteratur, das ich je gelesen habe. Der Autor als polnischer Widerständler inhaftiert beschreibt in seiner unglaublichen lakonischen, kalten Art die täglichen Lebensumstände in Auschwitz aber auch in einem Displaced Persons' Camp nach dem Krieg. Die absolute Grausamkeit, das menschenunwürdige dieses Lebens wird durch seine Erzählweise extrem untermalt. Der Leser hat wirklich den Eindruck zu verstehen wie es sich dort lebte oder zumindest nachvollziehen zu können warum - so gut wie - jedwede normale zwischenmenschliche Regung unterdrückt werden musste und wurde. Borowski gibt keinen Überblick, bietet keine Analyse oder viele dem Leser unbekannten Fakten, aber er erlaubt es sich in eine Situation einzufühlen in der das Opfer auch sich - notgedrungen - grausam verhielt.

Sunday, January 27, 2013

Der brave Soldat Finck

Werner Fincks Der brave Soldat Finck erzählt die Geschichte des Lebens des Autors als politischer Komödiant unter den Nazis. Finck ist kein großer Schriftsteller und seine - wohl inhärent zum Komödianten passenden - konstanten Versuche Witze zu reißen, fallen leider ab und an flach. Nichtsdestotrotz erzählt er eine spannende und ereignisreiche Geschichte von einem Star des politischen Kabaretts, der sich durch seine Haltung gegenüber den Nazis (und angeblich vor allem Goebbels gegenüber) ins KZ redete.

Saturday, September 22, 2012

Berliner Kindheit um Neunzehnhundert

Walter Benjamin gehört - zumindest mit diesen Erinnerungen - zur Flaneur- bzw Observationsliteratur der 20er und 30er Jahre vergleichbar mit z. B.  Franz Hessel. Benjamin erzählt mit detailliert und romantizierend Anekdoten und Beobachtungen seiner Kindheit in dem Vorkriegsberlin, welches kein Berlin nach 1945 geboren noch kennt. Das macht ihn zwar einerseits faszinierend und eine interessante Quelle, aber andererseits versteht selbst der sich in Berlin auskennende Leser (icke) viele geographischen Andeutungen kaum. Eine gleichermaßen frustrierende wie anregende Lektüre auf eine gewisse Weise.

Friday, August 24, 2012

La Storia

Auch Elsa Morantes La Storia las ich während meines Urlaubs in Italien und auch hier muss ich zugeben nur halb überzeugt gewesen zu sein. La Storia ist die lange und breite Erzählung des Leben einer alleinerziehenden Mutter zweier Kinder von unterschiedlichen Vätern im Rom des zweiten Weltkrieges. Auch wenn dieses Rom und seine ärmlichen Bewohner sowie der geschichtliche Hintergrund inklusive Deportationen und Widerstand dem Roman sein Rückgrat verleihen so sind doch die Hauptfiguren der Erzählung in ihrem Verhältnis untereinander wenig - in offenkundiger Weise - von diesen Verhältnissen geprägt. 

Was leicht schockiert ist die Inkompetenz der meisten Figuren von der naiven Mutter, über den unterentwickelten Sohn, bis zum hedonistischen älteren Sohn und schließlich seinem gescheiterten Revolutionärsfreund. keine dieser Figuren erscheint ausreichend komplett skizziert um wirklich menschlich zu sein. Vielleicht ist dies die Botschaft, welche Morante uns vermitteln will, dass der Krieg die Menschen entmenschlichte. In jedem Fall bleibt dem Leser (aka mir) bei allem Lesevergnügen ein ungestilltes Verlangen auf der Zunge, welches die Autorin erzeugt ohne es befriedigen zu können.

Die Garibaldina

Ich hatte mir Die Garibaldina von Elio Vittorini in Vorbereitung auf meinen Urlaub in Italien gekauft und dort gelesen. Auch wenn die sizilianische Atmosphäre mit der in den Marken kaum gleichzusetzen ist. Leider muß ich zugeben, daß das Buch an mir vorbeiging. Nicht, weil mir die Sprache oder der Stil nicht gefallen hätten, sondern einfach, weil mir der - im Hintergrund stattfinde - Klassenkonflikt in seiner Offenkundigkeit so fremd war, daß ich ihn erst in einer Kritik des Buches nach dem ich es gelesen verstand. Ein ansprechendes Buch aber entweder in seiner Thematik zu weit von mir (und der heutigen Welt) entfernt oder ich war einfach zu beschränkt dafür.

Thursday, August 02, 2012

Berlin - Moskau

Wolfgang Büscher erzählt von seiner Reise zu Fuß Berlin - Moskau, er tut dies in einem unglaublich schön eingeschlagenen Buch, was fast der Hauptgrund war, daß ich mir es von einer Freundin auslieh. Glücklicherweise war auch der Text mehr als vernünftig. Büscher beschreibt seine monatelange Fußwanderung von Berlin durch Polen, Weißrussland und schließlich Russland nach Moskau. Er erzählt von seinen Begegnungen, den skurrilen oder eindrucksvollen Charakteren, welche ihm auf seiner Wanderung begegnen. Er erzählt Anekdoten der Geschichte der jeweiligen Region bzw seiner Erfahrung an historischer Stätte. Ein schnell gelesenes gleichzeitig aber nachdenkliches Buch über eine aus der Gesellschaft aussteigende, besondere Erfahrung. Mein einziger Kritikpunkt wäre, daß ich den Autor zeitweise zu schnell, zu westlich, zu verdammend in seinen Wertungen fand. Es ist schwierig hier ein konkretes Beispiel zu finden, es liegt dem Ganzen mehr ein Gefühl zu Grunde auf seine Sprache basiert.

Tuesday, July 31, 2012

Flughunde

Ein guter Freund bemerkte vor einiger Zeit mit Erstaunen, daß ich ja überhaupt keine modernen Autoren lesen würde. Ganz Unrecht hatte er wahrlich nicht, Marcel Beyers Flughunde repräsentiert deswegen hier wohl eine wohltuende Ausnahme (ähnlich wie Clemens Mayer vor einigen Monaten). Ich hatte Beyers Roman auf einer Liste (in der taz?) der relevantesten deutschsprachigen Werke der letzten Dekade gefunden, er erzählt die sich überkreuzende Geschichte eines unpolitischen aber sowohl opportunistisch als auch humanistischen Tontechnikers und der ältesten Tochter Goebbels von ihren Eltern im Führerbunker ermordet. 

Dies ergibt ein wenig nachvollziehendes, sich nur schwer erschließendes Buch, dominiert von einer sich fanatisch mit Stimmen und Geräuschen beschäftigenden Hauptperson. Der Leser (ok, ich) fragt sich vor allem zu Anfang was Beyer mit seiner Verquickung der realen Helga Goebbels und des fiktiven obsessiven Tontechnikers eigentlich bezweckt. Leider muß ich zugeben, daß ich mir dies auch am Ende des Buches noch nicht erschlossen hatte, aber irgendwann im Laufe meiner Lektüre war die Frage einfach nicht mehr relevant gelesen. Auf eine bizarrskurrile Weise, die ich mit Worten immer noch nicht wirklich begreifen kann, gelingt es dem Autor ein Verständnis des Lesers für die Atmosphäre der Romanszenen zu entwickeln, welche dem Roman ihren Sinn gibt, welcher sich auf einer rein logischen Ebene (inklusive tontechnischen Details) nicht unbedingt erschließen läßt.

Sunday, July 01, 2012

Die Sonnenblume

Weiter auf der Entdeckungsreise des Orients, der arabischen Welt, was auch immer das genau heißen soll, nun also meine erste palästinensische Autorin, Sahar Khalifa, übrigens auch die erste Muslima, welche ich gelesen habe. Die Sonnenblume behandelt die sich überschneidenden Geschichten verschiedener Bewohner Nablus mit einem Schwerpunkt auf drei weiblichen Figuren. Sowohl die weibliche als auch die palästinensische Perspektive - ohne blinden Hass oder antisemitischer Rhetorik - ergeben einen unglaublich interessanten Einblick in eine eingepferchte, machtlose Gesellschaft, in ihrer religiöstraditionellen Verschlossenheit und Scheinheiligkeit, aber auch in ihrem letzten Endes nutzlosen Kampf ihrer Bürger für sich eine bessere Welt zu erkämpfen.

Khalifa zeichnet diese Gesellschaft in - fast - ihrer gesamten Breite - seltsamer Weise läßt sie islamistische Fundamentalisten weitestgehend außen vor. Ihre wichtigsten Figuren sind eine Gelegenheitshure, welche ihrem erkrankten Mann hierdurch seine teuren Medikamente ermöglicht, die Witwe eines Märtyrers des Widerstandes, welche ihre Kinder alleine hochzieht und aufgrund ihrer Eigenständigkeit als unmoralisch angesehen wird, und schließlich ein intellektuelle, emanzipierte Journalistin, die mit dem Dilemma der lieben wollenden, 'besessen' werden wollenden aber aufgeklärten, gebildeten Frau zu kämpfen hat. Hinzu kommen unter anderem ein politisch engagiertes Brüderpaar, der eine als Schreiber, der andere als Widerstandskämpfer, und der Chefredakteur einer demokratischrevolutionären Zeitung, der mit seiner Autorität und der Finanzierung seiner Zeitung zu kämpfen hat.

Khalifa bringt dem Leser die Palästinenser näher, nicht als abstrakte Leidende, sondern als lebende, atmende, zweifelnde aber kämpfende - gegen das Leben, ihre Gesellschaft, die israelische Besatzung - Individuen, die sich einer furchtbaren Situation anpassen.

Tuesday, June 05, 2012

Jeder stirbt für sich allein

Deutsche Literatur, habe ich oft den Eindruck, wird im Ausland nur sehr begrenzt - hallo Hermann Hesse - wahrgenommen. Umso überraschender scheint es, daß Hans Fallada mit seinem Widerstandsroman Jeder stirbt für sich allein einen posthumen Erfolg in Frankreich, den Vereinigten Staten, Großbritannien sowie Israel landete, mehr als 50 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung! In Deutschland davor kaum bekannt gewesen, Hans Falladas Ruhm beruhte eher auf seinem Klassiker Kleiner Mann - was nun? oder auch seines Eisernen Gustaves, wurde eine neue Ausgabe auch hier (eigentlich dort) ein Erfolg. 

Nun könnte man sich der Vermutung hingeben, daß 1947 viel zu früh war, um im geistig immer noch braunen Deutschland Erfolg mit einem Widerstandsroman zu haben, oder man könnte über den Propheten im eigenen Lande philosophieren (siehe Glaser, Georg), ich will mich aber lieber direkt Falladas Roman und seinen Protagonisten bzw ihre wahren Vorbildern widmen.

Fallada beschreibt - vergleichbar mit Franz Hessel in der Hinsicht, wenn auch natürlich ganz anders - ein Berlin, welches schon seit Jahrzehnten nicht mehr existiert, das Miljöh Zilles wie man so schön sagt oder sagen könnte (denn gleich sind das Berlin dieser beiden natürlich nur aus der weit entfernten Perspektive des 21. Jahrhunderts) - das arbeitende, rote Berlin des Weddings, des Prenzlauer Bergs, Friedrichshains, der Trinker, der Huren, ihrer Zuhälter und ihrer aller Kinder. Fallada gelingt es dieses vergangene Berlin in seinen Dialogen, in seiner Handlung einzufangen. Seine Protagonisten sind (alle saufende interessanterweise) treue Nazis, skrupellose Profiteure oder Schmarotzer, anständige, aber harmlose passive Mitläufer und schließlich prinzipientreue sich dem Nazi-Wahn versagende Kleinbürger, welche ihr Leben in einem sinnlosen - wenn nicht gar sinnfreien - Widerstand riskieren.

Denn die Helden dieses Romans, die Quangels - bzw die wirklich lebenden Hampels von deren Gerichtsakten Fallada sich inspirieren ließ, - verteilen einfach nur Postkarten versehen mit fehlerhaften, handgeschriebenen Parolen: "Fort mit dem Hitler Verreckungs System. Der gemeine Soldat Hitler und seine Bande stürzen uns in den Abgrund. Dieser Hitler Göring Himmler Goebbels Band ist in unser Deutschland nur Todes Raum zu gewähren!" (link) Diese Postkarten werden nicht ein mal mehr groß gelesen oder weiter verteilt, sondern in einem traurigen Indiz für den moralischen Zustand des Landes in den 30er/40er Jahren anstandslos bei der Gestapo abgegeben.

Trotzdem sind Otto und Elise Hampel - bzw Otto und Anna Quangel - natürlich eindrucksvolle Gestalten, welche sich unter in Kaufnahme des Risikos und trotz ihrer offenkundigen anfänglichen Sympathien für die Nazis - Otto war Mitglied im Stahhelm bis 1933 - nach dem Tod des Bruders von Elise in Frankreich für den Widerstand im Kleinen entschließen.

Auch wenn Jeder stirbt für sich allein zeitweise ein wenig zu langatmig, zu predigend und offensichtlich geworden ist, so ist es doch ein eindrucksvolles Zeitdokument des kleinen Berlins der Nationalsozialisten. Wenn auch leider - oft? - die Wirklichkeit noch grausamer war als Fallada es sich zutraute sie zu schildern.

Bei aller einfühlsamen Genauigkeit verzichtet Fallada allerdings darauf, die letzte bittere Tragik im Leben der Hampels zu schildern. Die Eheleute waren vom Urteilsspruch der Todesstrafe, mit dem sie nicht gerechnet hatten, derart erschüttert, dass sie in ihren Gnadengesuchen begannen, sich gegenseitig zu beschuldigen, um die eigene Haut zu retten. Elise Hampel beschwor das seelische Leid nach dem Tod ihres Bruders; ihr Mann, fuhr sie fort, machte sich diese Gefühlslage "zu nutze mich mit seinem Willen und Gedanken zu beeinflussen, um mich in diese Verwirrungen und Verirrungen zu treiben". Otto Hampel hingegen schob die Schuld seiner Frau zu: "Ihr dauerndes getöse und Unzufriedenheit und drängen zum verbreiten ergab es das so lange zeit die Karten in Erscheinung kamen." (aus der Zeit)