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Monday, January 30, 2012

Der Judenstaat

Theodor Herzls Der Judenstaat ist wohl einer der großen Klassiker der Ideengeschichte, einer der ideellen Gründungstexte des Zionismus. Es ist auch ein sehr kurzes und überraschend konkretes Büchleich, was sich schnell und leicht lesen lässt. 

Herzl legt darin aus warum er für die Gründung eines Judenstaates plädiert. Einersteis weil Antisemitismus letztlich unüberwindbar ist und dann weiterhin aus jüdisch-nationalistischen Gründen, er greift in seiner Argumentation so gut wie gar nicht auf Religion zurück. Diese Religionsferne bedingt auch, dass er als potentielles Zielland für seinen Judenstaat nicht nur Palästina sonder auch Argentinien in Betracht zieht. Auch wenn ich Shlomo Sand immer noch nicht gelesen habe, bezweifele ich ja persönlich die Existenz eines jüdischen Volkes aber Herzl hat hier eine letztlich schwer zu widerlegende Antwort darauf: Wir sind ein Volk - der Freind macht uns ohne unseren Willen dazu.

Herzl entwickelt eine ziemlich positiv anmutende Utopie eines sprachlich föderalen Staates (Wir können doch nicht Hebräisch miteinander reden. Wer von uns weiß genug Hebräisch, um in dieser Sprache ein Bahnbillet zu verlangen.), welcher durch harte Arbeit und Investitionen den Antisemitismus nicht nur in diesem zu schaffenden Land, sondern auch in den Herkunftsländern, abschaffen würde. Wie Utopien es so an sich haben ist seine Sichtweise letzten Endes leicht naiv. Der Antisemitismus des frühen 21. Jahrhundert ist sicherlich - in Europa - schwächer entwickelt als sein Äquivalent zu Anfang des 20. Jahrhunderts, es gibt ihn aber nicht nur immer noch, er wurde in anderen Weltregionen (die arabische Welt!) sogar noch um einiges verstärkt und zwar genau wegen der Schaffung dieses Staates, Israel, und der Entwurzelung bzw Vertreibung der vorherigen, muslimischen, Bewohner des Gebietes. Letztlich hat sich Israel ironischerweise - gerade in den letzten Jahren - von der säkularen, nationalistischen Utopie Herzls zu einer viel stärker religiös ausgerichteten Gesellschaft entwickelt.

Abschließend bleibt nur meiner Verwunderung über Herzls unglaublich detailliertes kapitalistisches Modell der Entstehung dieses Staates auszudrücken, auf der Gründung einer Firma, welche die Reichtümer der emigrierenden Juden verwaltet und in neue Länder bzw Häuser im gelobten Land anlegt, aufbauend. In gewisser Weise eine seltsame Kombination kommunistischer und kapitalistischer Prinzipien.

Saturday, December 04, 2010

The Bridge on the Drina

For once neither of my usual trilingual fare but a Yugoslav (Bosnian?) author writing in Serbo-Croat. Ironically, he is nonetheless comparable to my most recent trend of Habsburgian authors reflecting on the disappearance of the country of their youth (Ernst Weiss, Joseph Roth). Except that he is completely different of course. I hope this beginning has been sufficiently confusing by now. Ivo Andrić is an author (and diplomat before that) born in Bosnia who spent his formative years in the Austro-Hungarian Empire, getting his PhD in Graz for example. Yet, as a Yugoslav nationalist, he is imprisoned during the First World War by the Austrians (or Hungarians or, most fitting, simply the army). Thus, while he was in way shaped by the same forces which affected the aforementioned German-language, he drew almost the opposite conclusions from them. His writing does not reflect a longing for a glorious (glorified?) past, but rather a potential such future even while coupled with a loss of identity which occurred earlier (namely, the disappearance of the Ottoman Empire from the Balkans).

In The Bridge on the Drina Andrić recounts the history of a bridge which the Ottomans had built near Višegrad crossing the Drina and the fate of the accompanying town. Said town is populated by Christians, Muslims, and Jews; Serbs and Turks; Askhenazi and Sephardim. With the withdrawal of the Ottoman forces, the Austrians and Hungarians move in as well. Even an Italian makes his living there. Yet, Andrić gives a hard to read tableau of this truly European melange. His groups live next to one another, not with each other, they rarely intermingle, try to hold on to their customs in the face of change, and fail even at that.

This is a book hard to judge, even harder to describe. Literary speaking I was not enamored with Andrić's writing (or the translation thereof). There is no story which the reader latches onto, not even many recurring characters. Rather the novel at times seems like literary equivalent of a documentary. Never trying to excite or to truly captivate the reader, but to inform him, to give him an understanding of the Babel that Bosnia was (and is?). It is not an easy book to enter into, but one that slowly grows on one and rewards the obstinate reader at the end.

Sunday, November 14, 2010

Der arme Verschwender

So langsam werde ich anscheinend zum Experten deutschsprachiger Exilliteratur, - Joseph Roth, Georg Glaser, Walter Mehring - jetzt also Ernst Weiss: Der arme Verschwender. Ähnlich wie bei Joseph Roth ist es fast unmöglich zu etablieren, welches nationale Prädikat man ihm eigentlich anhängen soll. Deutscher Muttersprache, im österreichisch-ungarischen Prag geboren, in den Zwischenkriegsjahren in Berlin lebend, als Jude flüchtete er 1933 über seine Heimatstadt nach Paris. Ein deutschsprachiger Autor also und ein schönes Beispiel der Unmöglichkeit simplifizierender nationaler Definitionen. Weiss beging tragischerweise am 14. Juni 1940, dem Tag des Einmarsches der deutschen Truppen in Paris, Selbstmord und verstarb einen Tag später.

Sein Roman aus den dreißiger Jahren befasst sich kaum mit den politischen Themen seiner Zeit, sondern eher mit dem Schwierigkeiten der vorhergehenden Jahre. Sein Protagonist, der arme Verschwender, ist ein junger Mann als Sohn eines erfolgreichen Arztes aufwachsend, welcher trotz aller Bemühungen es nicht schafft seine Familie zu stabilisieren und zum Erfolg zu kommen. Er leidet unter den Widrigkeiten seiner Zeit, dem Ersten Weltkrieg, den sozialen Normen, dem Egoismus seiner Zeitgenossen und dann der wirtschaftlichen Umstände der Nachkriegsjahre. Er ist in dieser Hinsicht Symbol einer Generation, welche es nicht schafft den wirtschaftlichen und sozialen Rang ihrer Vorfahren zu bewahren und kann herin mit dem Protagonisten von Roths Radetzkymarsch verglichen werden. Auch wenn Weiss also die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Umstände seines Helden kaum detailliert schildert, zeigt er ihre harsche Natur alleine durch die Schilderungen seiner (Miß)erfolge auf.

Ein fesselnder Roman, den ich innerhalb zweier Tage verschlang und der mir ein weiteres Mal einerseits die Verkrustung des Habsburger Reiches vor dem 1. Weltkrieg aber andererseits die hohe Qualität seiner Schriftsteller bewies.

Friday, July 16, 2010

Radetzkymarsch

Joseph Roths Hiob war einer der wenigen Romane, welchen ich in der Schule las und der nichtsdestotrotz einen bleibenden Eindruck bei mir hinterließ - die anderen? Faust, Kabale und Liebe, vielleicht Thomas Bernhards Alte Meister - insofern war es wohl nur eine Frage der Zeit bis ich wieder etwas von ihm zur Hand nehmen würde. Gerade, da ich dieser Tage deutschsprachiger Exilliteratur verfallen zu sein, war der Radetzkymarsch wohl unabkömmlich. Ich betone deutschsprachig, denn Joseph Roth - auch wenn ich ihn damals im Deutschleistungskurs las - war natürlich Österreicher bzw vielleicht nicht mal mehr das, sondern Bürger und Bewohner des Habsburger Reiches, in Lemberg und Wien studierend, in Brody geboren.

Der Radetzkymarsch also. Der Aufstieg eines jungen Soldaten aus ärmlichen slowenischen Verhältnissen bedingt durch einen reinen Glücksfall, verkrustet bereits mit seinem Sohn, welcher als Baron den Erfolg, aber auch die Starrheit, ja den mangelnden Wandel des Österreichts-Ungarns darstellt - vielleicht durchaus mehr in meinen Augen als in Roths. Sein Enkel letztendlich stirbt im Ersten Weltkrieg sinnlos ohne ein Held zu sein, wenn auch ohne Feigheit und die Barone von Trotta sowie die königliche und kaiserliche Ansammlung von Ländern gehen zu Ende.

Ein nostalgisches, wenn auch kritisches Buch. Roth schafft es nicht, bzw will es wohl auch nicht, sich von seinem Ursprüngen loszulösen, auch wenn er natürlich um das unausweichliche Scheitern seiner Heimat weiß. In einer gewissen - wenn auch sehr entfernten - Weise erinnerte mich das Thema des Romans an Southern gothic literature, ein vollkommen anderer Stil natürlich aber mit ähnlichen inhaltlichen Zügen, sich der Nostalgie einer Vergangenheit gegenüber hingebend, die vielleicht nicht besser war als das, was folgte, und auch nicht grundlos scheiterte, ja versagte, aber deren Dahinscheiden trotzdem bedauert wird. Der Unterschied läge, wie gesagt, in der positiveren Distanz Roths.

"Ein grausamer Wille der Geschichte hat mein altes Vaterland, die österreichisch-ungarische Monarchie, zertrümmert. Ich habe es geliebt, dieses Vaterland, das mir erlaubte, ein Patriot und ein Weltbürger zugleich zu sein, ein Österreicher und ein Deutscher unter allen österreichischen Völkern. Ich habe die Tugenden und die Vorzüge dieses Vaterlands geliebt, und ich liebe heute, da es verstorben und verloren ist, auch noch seine Fehler und Schwächen. Deren hatte es viele. Es hat sie durch seinen Tod gebüßt."


Faszinierend war ich in der nachbereitenden (bzw diesen Blogeintrag vorbereitenden) Lektüre Roths Biographie die abstrakten Parallelen zwischen dem (wohl nicht sehr) 'roten Joseph' und seiner Hauptfamilie (nicht -gestalt). Ein Mann, eine Person (ich will ja hier nicht sexistisch auffallen), seine Möglichkeiten zum Aufstieg in einem Vielvölkerstaat nutzend, als Jude (bzw Slowene), seine Vergangenheit vergessen zu machen und hierdurch in diesem Reich aufzusteigen.

Reich-Ranicki nahm diesen Roman in seinen Kanon der zwanzig besten deutschsprachigen Bücher auf. Dies kann mangels ausreichender Leseerfahrung nicht beurteilen, aber ich kann ihn weiterempfehlen den Radetzkymarsch, keine Frage.

Monday, September 03, 2007

Das Urteil

Kafka. Ehrlich gesagt (oder vielleicht eher peinlicherweise) hatte ich bisher noch nicht so viel von Kafka gelesen. Vor 10 Jahren mal Die Verwandlung an meiner damaligen High School in den USA und deswegen perfiderweise in Englisch. Jetzt also nochmal. Das Urteil besteht aus verschiedenen Kurzgeschichten, unter anderem Die Verwandlung, In der Strafkolonie und Ein Hungerkünstler.

Ich finde es im Allgemeinen schwierig Kurzgeschichten zu besprechen, aber Kafkas Geschichten sind irgendwie noch ungreifbarer. Die Geschichten sind sprachlich eindrucksvoll, man ist ihrer Wucht ausgesetzt, kann das Leid der Protagonisten fühlen. Aber gleichzeitig, lassen einen die Geschichten irgendwie sprachlos zurück. Jede Analogie zur Realität, zu meinem Leben, zum Leben von Anderen, scheint unmöglich oder sehr schwierig. Vielleicht reicht mein Intellekt nicht aus um die Parallelen zu sehen, vielleicht müßte ich alles doppelt oder sehr viel langsamer lesen, vielleicht ist es genau das was Kafka nicht will (einen offenkundigen Bezug zur Realität).

Es gefiel mir die Geschichten zu lesen (auch wenn ich seit der Verwandlung eine leichte Kakerlakenphobie entwickelt habe (die sieht man aber halt auch hier im Süden desöfteren)), aber ich fand es schwierig einen Zugang zu ihnen zu finden, der über das Lesen als solches hinausging. Ich habe nicht groß über sie nachdenken müssen, nachdem ich sie gelesen hatte.

Eine schwache Rezension, ich weiß, würde Kafka trotzdem auf jeden Fall empfehlen, einfach weil man ihn als Deutscher (oder deutschsprechender Mensch) mal gelesen haben sollte.