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Friday, July 16, 2010

Radetzkymarsch

Joseph Roths Hiob war einer der wenigen Romane, welchen ich in der Schule las und der nichtsdestotrotz einen bleibenden Eindruck bei mir hinterließ - die anderen? Faust, Kabale und Liebe, vielleicht Thomas Bernhards Alte Meister - insofern war es wohl nur eine Frage der Zeit bis ich wieder etwas von ihm zur Hand nehmen würde. Gerade, da ich dieser Tage deutschsprachiger Exilliteratur verfallen zu sein, war der Radetzkymarsch wohl unabkömmlich. Ich betone deutschsprachig, denn Joseph Roth - auch wenn ich ihn damals im Deutschleistungskurs las - war natürlich Österreicher bzw vielleicht nicht mal mehr das, sondern Bürger und Bewohner des Habsburger Reiches, in Lemberg und Wien studierend, in Brody geboren.

Der Radetzkymarsch also. Der Aufstieg eines jungen Soldaten aus ärmlichen slowenischen Verhältnissen bedingt durch einen reinen Glücksfall, verkrustet bereits mit seinem Sohn, welcher als Baron den Erfolg, aber auch die Starrheit, ja den mangelnden Wandel des Österreichts-Ungarns darstellt - vielleicht durchaus mehr in meinen Augen als in Roths. Sein Enkel letztendlich stirbt im Ersten Weltkrieg sinnlos ohne ein Held zu sein, wenn auch ohne Feigheit und die Barone von Trotta sowie die königliche und kaiserliche Ansammlung von Ländern gehen zu Ende.

Ein nostalgisches, wenn auch kritisches Buch. Roth schafft es nicht, bzw will es wohl auch nicht, sich von seinem Ursprüngen loszulösen, auch wenn er natürlich um das unausweichliche Scheitern seiner Heimat weiß. In einer gewissen - wenn auch sehr entfernten - Weise erinnerte mich das Thema des Romans an Southern gothic literature, ein vollkommen anderer Stil natürlich aber mit ähnlichen inhaltlichen Zügen, sich der Nostalgie einer Vergangenheit gegenüber hingebend, die vielleicht nicht besser war als das, was folgte, und auch nicht grundlos scheiterte, ja versagte, aber deren Dahinscheiden trotzdem bedauert wird. Der Unterschied läge, wie gesagt, in der positiveren Distanz Roths.

"Ein grausamer Wille der Geschichte hat mein altes Vaterland, die österreichisch-ungarische Monarchie, zertrümmert. Ich habe es geliebt, dieses Vaterland, das mir erlaubte, ein Patriot und ein Weltbürger zugleich zu sein, ein Österreicher und ein Deutscher unter allen österreichischen Völkern. Ich habe die Tugenden und die Vorzüge dieses Vaterlands geliebt, und ich liebe heute, da es verstorben und verloren ist, auch noch seine Fehler und Schwächen. Deren hatte es viele. Es hat sie durch seinen Tod gebüßt."


Faszinierend war ich in der nachbereitenden (bzw diesen Blogeintrag vorbereitenden) Lektüre Roths Biographie die abstrakten Parallelen zwischen dem (wohl nicht sehr) 'roten Joseph' und seiner Hauptfamilie (nicht -gestalt). Ein Mann, eine Person (ich will ja hier nicht sexistisch auffallen), seine Möglichkeiten zum Aufstieg in einem Vielvölkerstaat nutzend, als Jude (bzw Slowene), seine Vergangenheit vergessen zu machen und hierdurch in diesem Reich aufzusteigen.

Reich-Ranicki nahm diesen Roman in seinen Kanon der zwanzig besten deutschsprachigen Bücher auf. Dies kann mangels ausreichender Leseerfahrung nicht beurteilen, aber ich kann ihn weiterempfehlen den Radetzkymarsch, keine Frage.

1 comment:

Camille said...

Heute in der FZZ: ""Die Wenigen und die Vielen" von Hans Sahl, ein Hauptwerk der Exilliteratur."
Ich weiss, deine Liste ist schon lang, aber vielleicht findest du noch einen Platz für dieses Buch, das "den Geschmack einer Epoche spüren lässt".
Wolfgang Schneider ist begeistert:
"Sahl porträtiert die Literaten und und Künstler in den französischen Cafés, die zu existenziellen Wartesälen wurden – darunter auch der Schriftsteller Joseph Roth, der sich dort rechtzeitig zu Tode trank, bevor die Wehrmacht einmarschierte und die Melancholiker vor sich hertrieb." (...) "es gehört zum Besten, was deutsche Schriftsteller über den Umbruch des Jahres 1933 geschrieben haben – ein Hauptwerk der Emigration".

Zwei mal Hauptwerk, am Anfang und am Ende, wenn das dich nicht überzeugt!!

Schöne Grüsse aus Berlin, Camille L.