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Tuesday, June 05, 2012

Jeder stirbt für sich allein

Deutsche Literatur, habe ich oft den Eindruck, wird im Ausland nur sehr begrenzt - hallo Hermann Hesse - wahrgenommen. Umso überraschender scheint es, daß Hans Fallada mit seinem Widerstandsroman Jeder stirbt für sich allein einen posthumen Erfolg in Frankreich, den Vereinigten Staten, Großbritannien sowie Israel landete, mehr als 50 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung! In Deutschland davor kaum bekannt gewesen, Hans Falladas Ruhm beruhte eher auf seinem Klassiker Kleiner Mann - was nun? oder auch seines Eisernen Gustaves, wurde eine neue Ausgabe auch hier (eigentlich dort) ein Erfolg. 

Nun könnte man sich der Vermutung hingeben, daß 1947 viel zu früh war, um im geistig immer noch braunen Deutschland Erfolg mit einem Widerstandsroman zu haben, oder man könnte über den Propheten im eigenen Lande philosophieren (siehe Glaser, Georg), ich will mich aber lieber direkt Falladas Roman und seinen Protagonisten bzw ihre wahren Vorbildern widmen.

Fallada beschreibt - vergleichbar mit Franz Hessel in der Hinsicht, wenn auch natürlich ganz anders - ein Berlin, welches schon seit Jahrzehnten nicht mehr existiert, das Miljöh Zilles wie man so schön sagt oder sagen könnte (denn gleich sind das Berlin dieser beiden natürlich nur aus der weit entfernten Perspektive des 21. Jahrhunderts) - das arbeitende, rote Berlin des Weddings, des Prenzlauer Bergs, Friedrichshains, der Trinker, der Huren, ihrer Zuhälter und ihrer aller Kinder. Fallada gelingt es dieses vergangene Berlin in seinen Dialogen, in seiner Handlung einzufangen. Seine Protagonisten sind (alle saufende interessanterweise) treue Nazis, skrupellose Profiteure oder Schmarotzer, anständige, aber harmlose passive Mitläufer und schließlich prinzipientreue sich dem Nazi-Wahn versagende Kleinbürger, welche ihr Leben in einem sinnlosen - wenn nicht gar sinnfreien - Widerstand riskieren.

Denn die Helden dieses Romans, die Quangels - bzw die wirklich lebenden Hampels von deren Gerichtsakten Fallada sich inspirieren ließ, - verteilen einfach nur Postkarten versehen mit fehlerhaften, handgeschriebenen Parolen: "Fort mit dem Hitler Verreckungs System. Der gemeine Soldat Hitler und seine Bande stürzen uns in den Abgrund. Dieser Hitler Göring Himmler Goebbels Band ist in unser Deutschland nur Todes Raum zu gewähren!" (link) Diese Postkarten werden nicht ein mal mehr groß gelesen oder weiter verteilt, sondern in einem traurigen Indiz für den moralischen Zustand des Landes in den 30er/40er Jahren anstandslos bei der Gestapo abgegeben.

Trotzdem sind Otto und Elise Hampel - bzw Otto und Anna Quangel - natürlich eindrucksvolle Gestalten, welche sich unter in Kaufnahme des Risikos und trotz ihrer offenkundigen anfänglichen Sympathien für die Nazis - Otto war Mitglied im Stahhelm bis 1933 - nach dem Tod des Bruders von Elise in Frankreich für den Widerstand im Kleinen entschließen.

Auch wenn Jeder stirbt für sich allein zeitweise ein wenig zu langatmig, zu predigend und offensichtlich geworden ist, so ist es doch ein eindrucksvolles Zeitdokument des kleinen Berlins der Nationalsozialisten. Wenn auch leider - oft? - die Wirklichkeit noch grausamer war als Fallada es sich zutraute sie zu schildern.

Bei aller einfühlsamen Genauigkeit verzichtet Fallada allerdings darauf, die letzte bittere Tragik im Leben der Hampels zu schildern. Die Eheleute waren vom Urteilsspruch der Todesstrafe, mit dem sie nicht gerechnet hatten, derart erschüttert, dass sie in ihren Gnadengesuchen begannen, sich gegenseitig zu beschuldigen, um die eigene Haut zu retten. Elise Hampel beschwor das seelische Leid nach dem Tod ihres Bruders; ihr Mann, fuhr sie fort, machte sich diese Gefühlslage "zu nutze mich mit seinem Willen und Gedanken zu beeinflussen, um mich in diese Verwirrungen und Verirrungen zu treiben". Otto Hampel hingegen schob die Schuld seiner Frau zu: "Ihr dauerndes getöse und Unzufriedenheit und drängen zum verbreiten ergab es das so lange zeit die Karten in Erscheinung kamen." (aus der Zeit)

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